Der Rebschnitt

Der Übersichtlichkeit wegen werden im Folgenden Bilder aus einem Premiumweinberg (Erklärung folgt unter dem Punkt "Qualitätserziehung" in dieser Rubrik) verwendet, da sich hier der Rebstock durch das Ausdünnen der Fruchtruten "übersichtlicher" präsentiert.

 

 

Nach den ersten Frösten verliert der abgeerntete Weinberg (Wingert) seine Blätter und die vormals grünen Fruchtruten verholzen. Abbildung 1 und 2 zeigen einen solchen typischen Rebstock mit dem Stamm (A), der im Vorjahr gebogenen Bogreben (B), dem darauf wachsenden diesjährigen Fruchtholz (C), dem einäugigen Ersatzzapfen mit seinen beiden ausgetriebenen Fruchthölzern (D) und einem Wasserschoss hinter dem Zapfen (E).

Abb. 1: Ungeschnittener Rebstock Abb. 1: Ungeschnittener Rebstock
Abb.2: Rebkopf und Bogrebe Abb.2: Rebkopf und Bogrebe

 

Der Bereich, der für den Anschnitt wichtig ist, ist der Rebkopf und seine unmittelbare Umgebung. In Abbildung 3 ist dieser Ausschnitt vergrößert zu sehen (B = Bogrebe des letzten Jahres, D = Ersatzzapfen mit beiden ausgebildeten Fruchtholztrieben, E= Wasserschuss).

Abb. 3: Rebkopf vergrößerter Ausschnitt Abb. 3: Rebkopf vergrößerter Ausschnitt

 

Wichtig beim Anschnitt sind folgende Regeln für die nächstjährige Bogrebe (nach Müller 2008, Seite 315):

 

a) es sollte sich um "zahmes" Holz handeln, also Holz, das aus zweijährigem Holz (zB Bogrebe oder Ersatzzapfen) gewachsen ist

 

b) möglichst frei von pilzlichen Erkrankungen ist

 

c) gut ausgereift ist und eine mittlere Stärke aufweist (7-10mm) und

 

d) günstig im Stockgefüge positioniert ist

 

Triebe, die sich aus zweijährigem Holz entwickeln, bezeichnet man als "zahmes" Holz während sich "wildes" Holz aus sog. Wasserschossen aus einer Adventivknospe des mehrjährigen Holzes entwickelt (Müller 2008, ebd.). Wenn der Wasserschoss wesentlich besser im Stockgefüge positioniert ist als das aus dem Ersatzzapfen gewonnene Fruchtholz kann dieser auch als Bogrebe verwendet werden.

 

Im oben gezeigten Beispiel böte sich folgender Schnittweg an:

 

1. Suchen der neuen Bogrebe (siehe a-d). Hier Fruchtrute D, die aus dem Ersatzzapfen gewachsen ist (Position D in der Mitte des Bildes).

 

2. Suchen des neuen einäugigen Ersatzzapfens, der wieder stammnahes Fruchtholz für den Rebschnitt im darauffolgenden Jahr liefern soll. Hier entweder Wasserschoss E wählbar oder linke untere Fruchtrute D. Nicht immer entwickelt sich das Fruchtholz aus dem Achselauge des Ersatzzapfens (D links unten im Bild), so dass der neue einäugige Ersatzzapfen aus dem Wasserschuss (E) gewonnen werden müsste.

 

3. Entfernen der alten Bogrebe samt daran befindlicher Fruchtruten (B).

 

Das Ergebnis nach diesem Schnittweg ist in Abbildung 4 zu sehen:

Abb. 4: Rebkopf nach dem beschriebenen Schnittweg Abb. 4: Rebkopf nach dem beschriebenen Schnittweg

 

Normalerweise wird der letztjährige einäugige Zapfen weggeschnitten. Hier der Darstellung wegen beibehalten. Ferner können neben einer langen Bogrebe mit 8-15 Augen (hier 9 Augen) auch sog. Strecker (5-8 Augen) oder kurze Zapfen (2-3 Augen) angeschnitten werden.

 

Die Augenanzahl der neuen Fruchtrute ist nach der Wüchsigkeit der Anlage, Qualität des Bodens, Niederschlägen im langjährigen Mittel sowie der Rebsorte zu entscheiden. Und letzten Endes auch, ob man qualitativ höherwertigere Weine produzieren will: Je weniger Ertrag (weniger Augen = weniger Trauben; pro Auge eine Fruchtrute, pro Fruchtrute bis zu 3 Trauben) desto höher die Grad Öchsle (meist), desto höher die Extrakt- und Inhaltsstoffe der Traube.

 

Gleichwohl ist darauf zu achten, dass bei aller Qualitätsliebe nicht zu wenige Augen angeschnitten werden, kann dies doch zu einer Unterforderung des Stockes führen: Die wenigen sich bildenden Fruchruten werden sehr dick und "schießen ins Holz". Qualitätserziehung kann auch später nach dem Austrieb erfolgen, etwa durch Ausdünnen (dritte Traube an den Ruten entfernen bzw. Trauben teilen) oder durch Abstreifen der Gescheine während der Blütephase, so dass die Trauben "verrieseln" (kleine, sehr süße, nicht befruchtete Jungfernbeerchen bilden sich).

 

Die neu erhaltene Bogrebe wird nun über den Biegdraht gebogen und am unteren Draht festgeschnürt. Aus ihren Augen wachsen nun die Fruchtruten im kommenden Frühjahr. Der neue Ersatzzapfen wird ebenfalls eine/zwei neue Fruchtruten entstehen lassen. Nächster Schritt das "Rebbiegen".

 

Literatur:

 

Müller, Edgar (2008): Die Arbeit am Rebstock. - In: Müller/Walg/Lipps (Hrsg.): Der Winzer. Weinbau, Seite 299-362, Stuttgart.